Auf der Landebahn des früheren Flughafens Tempelhof wirkt Berlin weit, weit weg. Feldlerchen kreisen, Hummeln summen. Irgendwo hinter den endlosen Wiesen muss die Stadtautobahn sein, winzig scheinen die Mietskasernen von Kreuzberg und Neukölln.
Wer begreifen will, warum Tausende in der Hauptstadt dieses Wochenende herbeisehnen, muss sich auf den grauen Beton stellen, auf dem einst die sogenannten Rosinenbomber aufsetzten.
Fast hundert Jahre war es tabu, dieses riesige Stück Natur mitten in der Stadt. An diesem Samstag nun öffnet hier Berlins größter Park, er ist annähernd so groß wie der Central Park in New York. Die Berliner werden das Tempelhofer Feld in Scharen zurückerobern, der Senat erwartet 200 000 Besucher an zwei Tagen. Und manche wollen es so schnell nicht mehr preisgeben.
Mit einem Stadtpark im herkömmlichen Sinn hat Tempelhof noch wenig gemein: Kaum ein Baum ragt aus der atemberaubenden Weite, Bänke gibt es so gut wie keine. Im Prinzip hat die Stadt nur Signalleuchten und Flugzeug-Wegweiser beiseite geräumt. Alles andere kommt später. Ein typisches Berliner Provisorium eben – wie die Wiese auf dem Schlossplatz, wo der Palast der Republik stand.
Aber das ist Tempelhofs Reiz. Kilometerweit schweift der Blick über das Flugfeld und bleibt am historischen Flughafengebäude hängen. Über 1,1 Kilometer Länge umarmt den Park im Nordwesten der gewaltige denkmalgeschützte Bau, die «Mutter aller Flughäfen», wie Norman Foster meint. Dort warteten auf Trümmerhaufen Kinder auf die Süßigkeiten alliierter Piloten, die nach dem Zweiten Weltkrieg die eingeschlossene Halbstadt mit der Luftbrücke fast ein Jahr per Flugzeug versorgten. Dort checkten die Beatles ein, John F. Kennedy und Marilyn Monroe. West-Berlins Tor zur Welt.
Vorbei. Das vereinigte Berlin hat Tempelhof vor anderthalb Jahren geschlossen, baut in Brandenburg den neuen Großflughafen Willy Brandt. Was aus dem Flughafengebäude einmal werden soll, ist noch unklar. Vorerst wechseln die Mieter: Ein Techno-Festival hier, ein Reitturnier dort, und zweimal im Jahr die Modemesse Bread & Butter.
Auf dem Gelände wird sich vorerst auch nichts Großes tun. Erst 2013 rücken die Bagger an, 2017 ist eine Internationale Gartenbauausstellung geplant. Eine echte Parklandschaft für 60 Millionen Euro soll entstehen, sie übertrifft mit ihren 300 Hektar den Tiergarten. Aber an den Rändern soll der Park irgendwann Flächen für Wohnungen und Gewerbe einbüßen, die Pläne sind aber noch recht diffus. «Jetzt hat aber erstmal der Park Vorrang», sagt eine Sprecherin der zuständigen Verwaltung.
Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn nicht auch vage Überlegungen Protest hervorriefen. «Der entstehende Park reiht sich ein in die neoliberale Stadtumstrukturierung», wettern Kritiker, die im Internet dazu aufrufen, die Eröffnungsreden mit Trillerpfeifen zu übertönen und mit Schlafsack und Bauwagen den neuen Park zu besetzten.
Die Kritiker stört vor allem eins: Der Flughafenzaun bleibt, seine Tore schließen bei Sonnenuntergang und ein Wachschutz gebietet über die Parkordnung. «Wir wollen keinen Hochsicherheitspark», wettert das Bündnis Reclaim Tempelhof. Der Senat aber will Sauberkeit und Sicherheit gewährleisten – das Gelände grenzt an die Kreuzberger Hasenheide, ein Park mit großem Drogenumschlag. Tempelhof ist eben noch immer ein Ort, der viele Gemüter bewegt in Berlin.
Blogtainment/ari/dpa / Foto dpa






