Treichels Berlin-Hommage «Grunewaldsee»

Eigentlich kommt aus einem norddeutschen Kaff bei Braunschweig. Nach dem Abitur zieht es ihn wie andere aus der Provinz nach zum Geschichtsstudium.

Dort nistet sich der eher schüchterne Paul in einem dunklen Kreuzberger Hinterhof ein, bis er eine Stelle als Lehrer im sonnigen Malaga annimmt, um die Wartezeit auf ein Referendariat zu verkürzen. Er verliebt sich in eine extrovertierte junge Spanierin namens Maria, die jedoch – wenn auch unglücklich – verheiratet ist dazu auch noch schwanger. Paul kehrt schließlich ins geliebte Berlin zurück – und wartet dort auf Maria, die er zur seines Lebens erklärt hat.

hat seinen Roman «Grunewaldsee» in den 1980er Jahren angesiedelt. Berlin ist noch eine Insel, abgeschieden vom Rest des Landes. Dieses Lebensgefühl hat Treichel meisterhaft in seinem eingefangen – wie etwa in der Beschreibung der Pfaueninsel, Pauls liebstem Refugium. Das wird zu einer besonderen Form des Entwicklungsromans: Denn die Zeit, die Paul wie in einem eingesponnen im alternativen vertrödelt, symbolisiert zugleich das behaglich-behäbige Ambiente, in dem sich die alte Bundesrepublik bis zum Fall der Mauer so bequem eingerichtet hat.

Der Leser folgt im lakonisch-ironisch gehaltenen Grundton des Buchs mit Vergnügen dem Weg des Anti-Helden Paul, der nicht so richtig erwachsen werden will. Er kapselt sich in seinem Berliner Kleinidyll ab – mit den kleinbürgerlichen Eltern daheim kann er nichts anfangen. Einmal emotional entfacht, hält ihn die Liebe zu Maria gefangen, auch wenn diese ihm nur sporadisch schreibt. Ihr beim Abschied in gegebenes Versprechen «Permanecemos juntos!» («Wir bleiben zusammen») genügt ihm, seine Illusionen über Jahre hinweg künstlich zu nähren.

Schließlich kommt Maria – inzwischen Ärztin und vom Mann getrennt – tatsächlich nach Deutschland. Beide treffen sich in . Es wird ein kleiner Realitätsschock für Paul – und ein unerwarteter Akt der Befreiung. Auf der Rückfahrt nach Berlin wird Paul zugleich klar, dass der therapeutische Flucht-Effekt auf einmal nicht mehr wirkt. Denn die Mauer ist gefallen. «Alles war nah gerückt. Nicht nur der Osten, auch der Westen», muss Paul feststellen. Und plötzlich kommen Paul beim Spaziergang im Grunewald ganz neue Gedanken. Etwa die Idee, dass er auch in sein Referendariat machen oder seine Ex-Freundin wieder anrufen könnte…

Unprätentiös und mit leichter Hand hat Treichel eine wunderbare Hommage auf das alte Westberlin und – auch auf die Bonner Republik – geschrieben.

Hans-Ulrich Treichel

Grunewaldsee

Suhrkamp Verlag Berlin

237 Seiten, 19,80 Euro

ISBN 978-3-518-42136-9

991s 991s

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