Kult-Regisseur Christoph Schlingensief erzählt von Europas Versagen gegenüber Afrika

(dpa) ­ Wir können uns selber nicht helfen, wollen aber den Afrikanern helfen. «Wir müssen einfach wegbleiben», erkennt am Schluss seiner neuen « Intolleranza II».

Die Szenencollage mit Akteuren aus und Europa feierte nach der Brüsseler Uraufführung Mitte Mai Deutschland-Premiere bei den «1. Pfingst-Festspielen» am Sonntag in der Hamburger Kampnagelfabrik.

Der krebskranke zieht eine vorläufige Bilanz der Erfahrungen mit seinem zu Jahresbeginn gestarteten Operndorf-Projekt «Remdoogo» bei in Burkina Faso. Selbstkritisch, auch wütend erzählt der geschwächte Performer und Regisseur von der eigenen Naivität. Vom Versagen der europäischen Kunst vor der Kraft der afrikanischen Kultur und Realität.

Halbhohe weiße Gardinen strukturieren das Durcheinander aus Tischen, Stühlen, einem Schaukasten und Requisiten auf der Bühne. Mit einem Lied zur Gitarre beginnt die Performance. Sie gleicht einer Art Probenchaos, um Luigi Nonos politisches Musiktheater «Intolleranza 1960» aufzuführen. Doch den schwarzen Darstellern sagt weder die Oper etwas noch deren Inhalt.

Angeheizt vom Fönix-Trio unter der musikalischen Leitung von Arno Waschk ergibt sich eine Mischung aus scheinbarer und Laienspiel. Rasch geschnitten erzielt Schlingensief einen gut getimten Szenen-Rhythmus durch Wechsel von Dunkel- und Helligkeit, von Rap und Rezitation, Ruhe und Bewegung, Solo- und Ensemble-Auftritten. In seinem Multimedia-Spektakel aus Film, Gesang, Musik, Tanz und Text führt er die eigene Folklore («Hoch auf dem gelben Wagen») und die Klischees, die wir über im Kopf haben, ad absurdum.

Nonos Komposition kommt nur in eingespielten Klangfetzen vor. Und wie gewohnt stellt er auch Bezüge zum Aufführungsort her: Mit Anspielungen auf Carl Hagenbecks Hamburger Völkerschauen, die im vorigen Jahrhundert «» aus aller Welt vorführten. Schlingensief unterläuft die eigene «Show», den Exotismus, etwa mit der satirischen «Einführung in den europäischen Kultur-Kodex». Da parodiert er den eurozentristischen Blick und postimperialistischen Gestus der französischen «Tanzförder»-Programme in Westafrika.

Ein satter weißer Tänzer demonstriert einem jüngeren farbigen Kollegen, wie er alles tanzen kann: Armut, Liebe und Hunger. Er benützt dabei immer die gleichen Trippelschritte und gezierten Gebärden. Achmed Soura zieht beim «Hunger-Tanz» nur seinen Bauch ein und verzerrt mit aufgerissenem Mund das Gesicht zur Verzweiflungsmaske.

Auch in anderen flashartigen Szenen demaskiert der Regisseur Ahnungslosigkeit, Selbstgerechtigkeit, Zynismus und Besserwisserei der «Weißnasen». Er gibt zu, dass es ihm unmöglich war, eine gemeinsame Melodie im Stück zu finden, die Unterschiede zu überwinden. «Geld, Essen und Trinken werden uns immer verbinden, aber alles andere ist eigentlich nur Anmaßung. Die sind klasse und brauchen keinen Schlingensief.»

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