Land ohne Leser: Viele Chilenen lesen nie ein Buch

Gabriela Mistral, Pablo Neruda, Isabel Allende oder Antonio Skármeta – die Liste bekannter chilenischer Schriftsteller und Dichter ist lang.

Insbesondere die beiden Literaturnobelpreisträger Mistral und Neruda werden von den Menschen in dem südamerikanischen verehrt und immer wieder mit Denkmälern, Wandgemälden, Museen oder Gedenkfeiern bedacht. Aber so sehr seine Landsleute ihre großen Schriftsteller auch schätzten – die Liebe zum Lesen hätten sie verloren, sagt der Bibliothekar Jorge Pineda. «Die Angewohnheit, einfach so in Büchereien zu gehen, und sei es nur, um zu schauen, die gibt es in Chile nicht mehr», klagt er in der Zeitung «El Mercurio».

Die passenden Zahlen liefert die gemeinnützige, «La Fuente», die es sich zum Ziel gemacht hat, das Lesen in Chile zu fördern. Fast 50 Prozent der Chilenen in einer 2008 von «La Fuente» durchgeführten repräsentativen Umfrage an, nie oder fast nie zu lesen. Um das zu ändern, fährt Pineda nun mit einem Bücherwagen durch das langgestreckte Land. Einen alten amerikanischen Schulbus aus den 70er Jahren hat er dazu umfunktioniert und bunt angemalt. Hauptsächlich mit Comics, Zeitschriften und günstigen Büchern hat er schon mehr als 40 Städte und Dörfer in Chile angefahren. «Meine alte Maschine sieht besonders aus, deswegen werden die Menschen neugierig und nähern sich mir und den Büchern.»

Knapp 4000 neue Bücher sind in Chile 2008 nach Angaben des chilenischen Buchhandelsverbandes erschienen, mehr als zwei Drittel . Eine Auflage von mehr als 5000 Exemplaren schafften nur 420 Titel. 4000 Bücher auf knapp 17 Millionen , statistisch also 235 pro Einwohner – verglichen mit anderen Ländern ist das in der Tat wenig. So kamen in Deutschland 2008 rund 952 Neuerscheinungen pro Einwohner auf den Markt, in Frankreich 1053 und in sogar 1830. Selbst das Nachbarland wartet noch mit 500 neuen Titeln pro Millionen Einwohner auf.

Der Büchermarkt in Chile leide eben unter besonders erschwerten Bedingungen, stellt Ricarda Musser, Wissenschaftlerin am Ibero-Amerikanischen Institut (IAI), in einer Studie fest. «Die Zeit der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet 1973 bis 1990 war eine Zeit der Lähmung des kulturellen Lebens des Landes», schreibt Musser. Von den Folgen erhole sich der Büchermarkt nur langsam. Hinzu kommen die hohen Preise für Bücher, auf die in Chile eine Luxussteuer zu entrichten ist – ein Einzelfall in Lateinamerika. Mehr Steuern müssen nirgendwo auf der Welt auf Bücher entrichtet werden. Infolge der hohen Preise besorgen sich Chilenen Bücher im Ausland oder in Chile gedruckte Raubkopien.

Ein bekannter chilenischer Blogger mit dem Künstlernamen Cristian, der inzwischen in Großbritannien lebt, rechnet das vor: Um zehn bekannte Bücher, von der Bibel über Charlotte Brontës «Jane Eyre» bis hin zu George Orwells «1984», in Großbritannien zu kaufen, benötige man rund drei Prozent des monatlichen Mindestlohns – in Chile hingegen mehr als siebzig. «Das ist Raub! Wir müssen protestieren», fordert er auf seinem «CAE» betitelten Blog. An einen erfolgreichen Protest glaubt der Bücherbus-Fahrer Jorge Pineda jedoch nicht. Er will demnächst mit seinem Wagen nach fahren – denn allein vom Geschäft in Chile kann er nicht leben.

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