Song Contest: Europa liebt Lena Meyer-Landrut

Auch Europa liebt Lena, und Deutschland feiert sein (Früh-)Sommermärchen. Unbekümmert, kokett, schlagfertig – so präsentierte die 19-jährige Abiturientin ihr im 20. Jahr der Wiedervereinigung und knapp zwei Wochen vor Beginn der Fußball-WM.

Mit ihrem Triumph beim 55. Eurovision Contest am Samstagabend in Oslo, 28 Jahre nach dem bisher einzigen Gewinn durch Nicole, gelang Lena Meyer-Landrut ein historischer Sieg – für sich, für ihren Förderer Stefan Raab, für die ARD und natürlich für Millionen Fans in Deutschland.

Historisch – das klingt zwar ziemlich hochgestochen angesichts eines Wettbewerbs, bei dem es vor allem um eines geht: Gaudi. Die «Europameisterschaft im Singen» (Raab) ist seit jeher ein etwas schräger Wettbewerb, bei dem Äpfel gegen Birnen antreten: Wer kann schon herzergreifende Balladen, krachende , fetzige Dance-Pop-Nummern und Ethno-Pop miteinander vergleichen? Trotzdem stimmt die Einordnung.

Für Lena – weil sie mit diesem Sieg unsterblich wird, selbst, wenn sie kein einziges Lied mehr veröffentlicht. Nicole ist mit «Ein bisschen Frieden» ebenfalls ins Gedächtnis der Deutschen eingebrannt.

Für Stefan Raab – das einst ungeliebte TV-Lästermaul hat sich mit seiner seriösen, von allen Seiten hochgelobten Castingshow «Unser Star für Oslo» endgültig in die erste Reihe der Fernsehunterhaltung gespielt und den Titel «Mr. Grand Prix von Urgestein übernommen.

Für die ARD – der zuletzt totgesagte Song Contest ist Gesprächsthema Nummer eins, die Einschaltquote traumhaft: 14,69 Millionen Sieg, das war fast jeder zweite TV-Zuschauer am Samstagabend.

Und nicht zuletzt für die Nation: Angesichts von Finanzkrise, Koalitions-Knatsch und Afghanistan-Ärger sehnen sich die Menschen offensichtlich nach positiver Energie – und schließen das neue Fräuleinwunder Lena dankbar ins Herz. Kaum eine Negativ-Schlagzeile, kaum ein böses Wort fiel in den drei Monaten, nachdem Lena zum ersten Mal bei Raabs TV-Casting auffiel. Selbst das Skandälchen mit einer Fast-Nackt-Szene in einer RTL-Soap, die Lena als Statistin drehte, prallte an ihrem Charme ab.

Dafür gab es am Sonntag Lob höchster Würdenträger, die alle ein bisschen was von dieser Aura abhaben wollen: «Sie ist ein wunderbarer Ausdruck des jungen Deutschlands», ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) per «Bild»-Zeitung verkünden.

Ihr Außenminister (FDP) erhob die Enkelin eines früheren Botschafters in den Diplomatenstand: «Ob gewollt oder nicht, Sie sind eine Botschafterin für unser Land, die in einer Nacht so manches althergebrachtes Vorurteil sympathisch widerlegt hat.»

Und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) jubelte noch in der Nacht: «Das ist ein großer Tag für Deutschland und natürlich auch Niedersachsen. Schön, dass sie mit ihrer einzigartigen Ausstrahlung und Spontanität die Herzen auch in Europa erobert hat.»

Wulff wollte seine Niedersachsen Lena denn auch am Sonntagnachmittag beim Empfang in Hannover persönlich begrüßen. Die verspätete sich jedoch ein wenig, hatte sie doch noch bis 6.00 Uhr in der Frühe ihren Sensationssieg ausgiebig gefeiert. Im Flugzeug wartete dann die versammelte deutsche Grand-Prix-Delegation auf die 19-Jährige.

Es war aber auch zu schön, das Finale der 25 Besten. Der Wettbewerb, eröffnet von der Mitfavoritin Safura aus Aserbaidschan (Platz fünf), hatte ein ungewohnt hohes Niveau; Ohrenschmerzen auslösende Beiträge zum Abschalten gab es diesmal kaum.

«Ein Super-Jahrgang», urteilte ARD-Moderator Peter Urban. Lena trat als 22. auf – sichtlich nervös und etwas kurzatmig, aber mit unheimlich viel Spaß und Energie verzauberte sie die mehr als 100 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern ebenso wie die 18 000 Fans in der überdachten Fußballhalle, die zwischendurch immer wieder lautstark jubelten.

Neun Mal gab es dafür «twelve points», die traditionelle Grand- Prix-Höchstwertung. Überhaupt gab es Punkte von fast überall her – ob aus Lettland, Schweden oder der Slowakei. Nur fünf der 38 Konkurrenten bedachten Deutschland mit null Punkten. Ziemlich schnell lag Lena vorn, noch deutlich vor Ende der Abstimmungsphase war klar: Deutschland ist Eurovisions-Meister!

Die Stimmung der mehreren zehntausend Fans bei den großen Grand- Prix-Partys auf der Hamburger Reeperbahn und vor dem Hannoveraner Rathaus kochte über – um es mit Worten zu sagen: «Das ist wahnsinnig!» Und der sonst so selbstbewusste Raab meinte: «Wir sind total schockiert!»

Mit deutlichem Punkterückstand folgten die starken Rocker Manga («We Could Be The Same») aus der vor dem rumänischen Duo Paula und Ovi, das auf Latex-Sex, ein Plexiglas-Klavier, viel Feuer und den eingängigen Popsong «Playing With Fire» setzte. Aus Deutschland gab es zehn Punkte für die und keinen für Rumänien. Die Höchstwertung der deutschen Fans und Jury bekam der Belgier Tom Dice für seinen schönen Gitarrensong «Me And My Guitar» – er wurde am Ende sechster. Doch über allem schwebte an diesem Abend Lenas «Satellite» am europäischen Musikhimmel.

Überschwängliches Politikerlob, Heimflug per Sondermaschine, Empfang mit Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, großformatiger Jubel auf Titelseiten: Der Eurovisions-Sieg von Lena fühlt sich schon ein bisschen an wie ein Weltmeister-Titel der deutschen Nationalelf. Vielleicht ein gutes Omen für die Kicker von Jogi Löw, die immerhin seit 20 Jahren auf den nächsten WM-Sieg warten – oder aber ein schlechtes: Immerhin zitterten die deutschen Grand-Prix-Fans ganze 28 Jahre lang, danach wären Deutschlands Kicker erst 2018 wieder dran.

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