Maler Sigmar Polke gestorben

In Deutschlands Kunstszene gehörte seit jeher zu den «Geheimnisvollen»: Kaum jemand kannte den stillen Star, dessen Werk nahe der Pop-Art voller ästhetischer und technischer Kapriolen ist.

Selbst für prominente Museums-Chefs und Kuratoren war der 1941 in Niederschlesien geborene Wahlkölner nur schwer erreichbar, Porträtfotos existieren kaum. Am Freitag starb Polke, der mit seinem Lehrer Beuys, mit , Baselitz und Immendorff, die Kunstlandschaft der jüngeren Zeit geprägt hat. Er wurde 69 Jahre alt. Trotz dieser großen Namen «war Polke vielleicht die wichtigste Figur der deutschen Nachkriegskunst», sagte Kasper , Direktor des Kölner Museums Ludwig, am Freitag.

Vor vier Jahrzehnten kreierte Polke gemeinsam mit seinen Künstlerkollegen und den ironischen «Kapitalistischen Realismus», der mit Motiven der Konsumwelt das Lebensgefühl der Wohlstandsjahre karikierte. Damit war der Weg eines tiefsinnigen Künstlers eingeschlagen, der später mit hohen Auszeichnungen vom Kaiserring Goslar bis zum Siegener Rubens-Preis geehrt worden ist. Ob in Comic-Motiven oder Bildkompositionen mit übergroßen Rasterpunkten oder Pyjamastreifen als Hintergrund: Ein tiefgründiger Humor war ihm das angemessene Mittel, um – als malender Enkel Schopenhauers oder Wilhelm Buschs – und ihre Trivialitäten mit der nötigen Distanz zu schildern.

«Er war ein Künstler mit tiefer Unterseite, bei dem Schönheit und Schrecken nahe beieinander liegen», analysiert Museumschef König. Nie habe sich der scheue Maler, der beständig Spitzenpositionen im Ranking des -Kompass‘ besetzte, als «Heilsbringer» gefühlt, sagte König: Stattdessen «war er komplex und wollte nie gefallen». Auch der eigenen Zunft und Szene stellte er bisweilen gern ein Bein, wie sein augenzwinkernder Werktitel «Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke Schwarz malen!» belegt.

Seit langem experimentierte Polke, dessen Gemälde international Höchstpreise erzielen, auch mit der Fotografie und – in Gedankennähe zu Beuys – mit Kunst in hoher Auflage, nutzte Kopiergeräte und Computertechnik. Er bevorzugte den billigen industriellen Offsetdruck und irritierte damit Publikum und Kunstmarkt gleichermaßen. Allerdings: Seine etwa als preiswerte Kunstvereins-Jahresgaben entstandenen Blätter voll Sprach- und Bildwitz sind heute längst weit von «demokratischen» Preisen entfernt.

Der Meister des beständigen Stilmix, der Warenwelt wie Medien- «Wirklichkeit» in seiner Bildsprache zwischen Comic und Collage mit künstlerischen Mitteln kritisch analysierte, war ein wahrer Alchimist der Kunst. Er tüftelte mit Silbernitrat, verschiedensten Lacken, mit Kunstharz und Eisenglimmer, mixte daraus sich verändernde Thermo- und Hydrofarben. So bot er 1986 im deutschen Pavillon auf der Biennale in ein ungewohntes Schauspiel: Seine wärmeempfindlichen Bilder, die je nach Tagestemperatur in jeweils anderen Farben leuchteten, wurden mit dem «Goldenen Löwen» geehrt. Sie können auch als hintergründiger Kommentar zum Thema vom «ewigen Wert» großer Kunst betrachtet werden.

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