Für drei Stunden 25 sein – die Eagles auf Tour

Bei Taiwan denkt mancher vielleicht zuerst an exotische Tempel und Konfuzius. Doch die Hauptstadt Taipeh ist sehr amerikanisch geprägt. Kein Wunder, dass hier die Eagles ein Gastspiel im Rahmen ihrer Asienteournee gaben, die sie erstmals auch nach China führte.

Verkörpern sie doch den American Way of Life wie kaum eine andere Band. Rund 8000 Fans aller Altersklassen hatten sich im Februar in der Linco-Halle versammelt, um einem lockeren Country-Rock zu lauschen, wie ihn nur wenige spielen können. Mit üppigem Harmoniegesang im Hintergrund, der Songs wie «Hotel California» und «Take It Easy» zu Evergreens machte.

Wären nicht die Falten und Bauchansätze der Musiker, käme man sich vor wie gefangen in einer Zeitkapsel, zurückkatapultiert in die 1970er Jahre. Und diese sind ohne die Songs der Eagles über Western-Outlaws, Kalifornien und Tequila undenkbar. Das Album «Their Greatest Hits (1971-1975)» gilt bis heute als das meistverkaufte in der US-Musikgeschichte. 1998 wurden sie in die Rock & Roll Hall Of Fame aufgenommen.

Das Quartett um Glenn Frey, Don Henley, Joe Walsh und Timothy B. Schmit kann auch nach einer halben Ewigkeit im Rockbusiness noch künstlerisch überzeugen, besonders Henleys warme, leicht nasale Stimme und Schmits süßlicher Falsett erzeugen immer wieder wohlige Schauer – so soll es auch bei der anstehenden Deutschlandtournee werden, die am 19. Juni in Wiesbaden beginnt.

Das dreistündige Konzert der auf 13 Musiker aufgestockten Band in Taipeh ist technisch perfekt, jede Nuance wirkt einstudiert, die Songs haben kaum Ecken und Kanten. Mit Ausnahme der rockigen Soloeinlage des Leadgitarristen Joe Walsh klingt alles rund und schön, manchmal aufwendig mit zusätzlichen Bläsern und Keyboards.

«Die Leute haben gewisse Erwartungen an uns», argumentiert Bandgründer und Multiinstrumentalist Don Henley im dpa-Interview. «Wir sind keine experimentelle Band, wir sind ziemlich vorhersagbar. Dafür werden wir von Kritikern ganz schön niedergemacht. Aber nur weil das Publikum uns so mag, wie wir sind, gibt es uns immer noch.»

2012 jährt sich das Plattendebüt der Eagles zum 40. Mal. Die in den 1970ern oft heillos zerstrittene Band spielt seit 1994 wieder zusammen und ist der internen Machtkämpfe müde geworden. «Wir sind heute alle toleranter», zieht Joe Walsh Bilanz. Sein Heulen bildet einen willkommenen Gegenpart zu den glatten Harmonien der Kollegen. «Auf den Erfolg, den wir in den 1970ern hatten, waren wir überhaupt nicht vorbereitet, aber wir haben ihn voll ausgekostet. Nach all diesen Erfahrungen arbeiten wir mittlerweile sehr gern zusammen. Ich habe in vielen Bands gespielt, aber die Eagles sind ganz speziell. Heute schieben wir unsere Egos beiseite und konzentrieren uns voll und ganz auf unsere Kunst und unser Können.»

Dass bei den Eagles eine gute Portion Nostalgie mitschwingt, gibt Don Henley unumwunden zu. Aber die Band sei trotzdem noch von Bedeutung. 2007 veröffentlichte sie das Doppelalbum «Long Road Out Of Eden». Darauf kritisierten die Musiker in zum Teil düsteren Songs vehement die Politik des damaligen US-Präsidenten George W. Bush. «Wir konnten nicht ewig mit den alten Sachen touren, wir mussten in jedem Fall ein neues Album machen», sagt der gebürtige Texaner Henley. «Auch, wenn es niemand gemocht hätte.»

Arbeit ist für den inzwischen 63-jährigen Multimillionär, dessen Nachbar in Malibu Thomas Gottschalk ist, nach wie vor eine Herausforderung. Er hofft, dass ihm die Ideen nicht ausgehen. «Ich habe das Gefühl, das Beste kommt erst noch. Egal, ob das stimmt, es ist auf jeden Fall ein Grund, morgens aufzustehen.»

Gitarrenmeister Joe Walsh hat sämtliche Höhen und Tiefen des Musikgeschäfts durchlebt und sich durch «Life’s Been Good» selbst ein Denkmal gesetzt. Für ihn gibt es heute nichts Schöneres, als in dieser Band zu sein. «Es kann passieren, dass man dieses Gefühl eine Zeit lang nicht hat, aber es kommt immer wieder. Dann hat man keine Kontrolle mehr über das, was man da gerade macht. Jeden Abend Punkt 20 Uhr muss ich dem Publikum weißmachen, dass ich immer noch 25 bin – und zwar für drei Stunden. Diese Art von Disziplin liebe ich.»

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