
Im Internet ist der Kampf um Schloss Bellevue bereits entschieden. Der Sieger heißt Joachim Gauck. Mehr als 32 000 Facebook-Nutzer unterstützen den Kandidaten von SPD und Grünen für das Amt des Bundespräsidenten.
Das sind zehnmal so viele Anhänger wie für Christian Wulff, der von Union und FDP ins Rennen geschickt wird. Dessen Facebook-Profil ist bisher nur gut 3200-mal verlinkt. Doch im wirklichen Leben sehen die Kräfteverhältnisse ganz anders aus, und das gilt nicht nur für die Verteilung der Stimmen in der Bundesversammlung.
München am Donnerstagabend: Ein paar Dutzend Anhänger von Joachim Gauck haben sich in der Innenstadt am Stachus eingefunden. Sie wollen die Unterstützungswelle aus dem Internet ins echte Leben überschwappen lassen. So recht will das aber nicht gelingen – ursprünglich war mit Hunderten Teilnehmern gerechnet worden. Diejenigen, die gekommen sind, stehen jetzt im Regen.
Es ist leichter, auf den «Beitreten»-Button einer Facebook-Gruppe zu klicken als mit Schildern und Transparenten auf die Straße zu gehen. Verpufft die Kampagne der Unterstützer also im Internet, ohne in der realen Welt Spuren zu hinterlassen?
«Ich will mir das jetzt nicht kleinreden lassen», sagt Christoph Giesa, der zu den Initiatoren der Münchner Kundgebung gehört. Auf ihn geht auch die Facebook-Gruppe «Joachim Gauck als Bundespräsident» zurück. Giesa macht vor allem das Regenwetter für die maue Beteiligung an der Aktion verantwortlich. «Sonst hätten wir in München ein paar hundert Leute gehabt», meint er.
Giesa bleibt dabei: Es sei bemerkenswert, innerhalb kürzester Zeit mehr als 32 000 Facebook-Nutzer für die eigene Sache gewonnen zu haben. Dass davon nur ein kleiner Teil für Aktionen auf der Straße zu mobilisieren ist, sei zu erwarten gewesen. «Leute auf die Straße zu bringen, ist insgesamt schwer in Deutschland», sagt Giesa.
Und er muss wissen, wovon er spricht, denn Giesa war jahrelang in der Parteipolitik aktiv – ausgerechnet bei der FDP, die eigentlich Wulff unterstützen sollte. Bei der Europawahl 2004 war Giesa rheinland-pfälzischer Spitzenkandidat der Liberalen. Inzwischen ist der 29-Jährige einfaches FDP-Mitglied; derzeit schreibt er an einer Doktorarbeit zum Thema Tarifpolitik.
In den nächsten zwei Wochen wird Giesa dazu aber kaum kommen. Er will sich bis zur Präsidentenwahl am 30. Juni für Gauck starkmachen. Dass der aufgrund der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung in der Außenseiterrolle ist, weiß Giesa natürlich. Viele Wahlmänner und Wahlfrauen von Union und FDP unterstützten «im Herzen» aber Gauck. Und diesen Delegierten will Giesa eine Brücke bauen, wie er es selbst formuliert.
Die Unterstützung aus dem Netz geht an Joachim Gauck nicht vorbei. Er sei immer noch «total überrascht» davon, sagt der 70-Jährige in einer Videobotschaft auf seiner Homepage. Die eigentliche Überraschung wäre es aber wohl, wenn die Sympathiewelle aus dem Internet die Straße erreicht. Dort präsentiert sich die Idee der Facebook-Nutzer aber bisher eher als Flop.
Facebook-Gruppe Gauck: http://dpaq.de/0dq8C
Facebook-Profil Wulff: http://dpaq.de/4keSh
Videobotschaft Gauck: http://dpaq.de/2eNFm

Grace (Jasmin Tabatabai), erfolgreiche Kriegsfotografin, zweifelt nach einem traumatisierenden Vorfall an dem Sinn ihrer Arbeit. Ihr Mann Max (Olivier Gourmet) muss als Arzt in die Hochanden reisen, wo eine Quecksilber-Kontaminierung zahlreiche Menschen getötet zu haben scheint.
Davon ist auch die junge Saturnina (Magaly Solier) betroffen, die so ihren Verlobten verliert. Sie kämpft mit allen Mitteln für die Rechte ihres Volkes. Die Regisseure Peter Brosens und Jessica Woodworth haben einen lyrischen Film gedreht, der die kolossaleLandschaft des Andenhochlandes in beeindruckenden Aufnahmen abbildet.
(Altiplano, Deutschland, Belgien u.a. 2008, 106 Min., FSK ab 12, von Peter Brosens, Jessica Woodworth, mit Jasmin Tabatabai, Magaly Solier, Olivier Gourmet)

Deutschlands vermutlich größte schwarz-rot-goldene Flagge ziert zur Zeit noch ein Baugerüst in Hamburg. Auf 9 Meter Höhe und 35 Meter Länge kommt die Gerüstplane, die das Unternehmen rk Planen an einem Haus im Stadtteil Hoheluft angebracht hat.
«Für uns ist das ein reiner Gag. Mit übertriebenem Patriotismus hat das nichts zu tun», sagte Mitarbeiter Ronald Meier dem «Hamburger Abendblatt». Einige Mieter lehnten die Plane jedoch ab, weil zu wenig Licht in ihre Wohnungen dringt. Bereits kommende Woche müsse die Schutzplane deshalb wohl abgenommen werden. Eigentlich sollte das Haus bis zum Ende der Weltmeisterschaft am 11. Juli in Schwarz-Rot- Gold präsentiert werden.

Wenn der «meistvorbestrafte deutsche Verleger», wie sich Klaus Wagenbach gerne selbst nennt, 80 Jahre alt wird, dann kommen sie alle.
Am Sonntag versammelten sich im Berliner Ensemble am Bertolt-Brecht-Platz noch einmal zahlreiche prominente Freunde und Weggefährten zur (etwas verfrühten) Gratulation. Der Jubilar selbst feiert erst am 11. Juli seinen runden Geburtstag.
Gekommen waren nicht nur Literaturnobelpreisträger Günter Grass (mittlerweile selbst über 80) und Verleger wie Michael Krüger, Inge Feltrinelli oder Christoph Links, sondern auch Schauspieler wie Otto Sander, Sophie Rois und Hanns Zischler, Grips-Theaterleiter Volker Ludwig und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Und natürlich Otto Schily, früher Innenminister (SPD), vor allem aber im Leben Wagenbachs als Rechtsbeistand in zahlreichen Prozessen unverzichtbar.
Sie alle lasen, musikalisch begleitet von der Swing-Band von Andrej Hermlin (sein Vater Stephan Hermlin gehört zu den Autoren Wagenbachs), aus Wagenbachs neuem Buch «Die Freiheit des Verlegers» mit seinen Erinnerungen und zahlreichen Texten aus seiner zunächst West-Berliner Verlagsgeschichte seit Mitte der 60er Jahre. Wagenbach wird in Branchenkreisen auch liebevoll «Kafkas dienstälteste Witwe» genannt, weil er zahlreiche Bücher über Franz Kafka geschrieben hat.
Der Chefdramaturg des früheren Brecht-Theaters am Schiffbauerdamm, Hermann Beil, nannte Wagenbachs Erinnerungen ein «höchst unterhaltsames Lebenspanorama und lehrreiches Geschichtsbuch über deutsche Verhältnisse» und fügte hinzu: «Die Freiheit des Verlegers ist auch unsere Freiheit!»
Sophie Rois sprach über die Kindheit und Familiengeschichte des Verlegers, der sich stets an die Inschrift über der Haustür seines Großvaters aus dem Matthäus-Evangelium erinnerte: «Und wenn alle mitmachen – ich nicht» (ein Motto, das auch der Publizist und Verleger-Kollege Joachim Fest seinen Memoiren gab). Dementsprechend verlief dann auch das Leben des Enkels Klaus Wagenbach, der meinte: «Ich bekam öfter was auf die Schnauze. Aber ich habe zurückgekläfft.»
Die italienische Verlegerin Inge Feltrinelli rief Wagenbach «Eviva Klaus!» entgegen und erinnerte daran, dass er in Italien «ein sehr beliebter Deutscher» sei, nicht nur als Angehöriger der «Toskana-Fraktion», sondern vor allem, weil er viele italienische Autoren in Deutschland bekanntgemacht habe.
Grass las aus dem Kapitel, in dem sich Wagenbach an sein erstes Erscheinen in der legendären Autorenvereinigung «Gruppe 47» Ende der 50er Jahre erinnert, wo Grass auch erstmals ein Kapitel aus der «Blechtrommel» vorlas. Wagenbach behauptet übrigens, dass Grass seine kurzzeitige Zugehörigkeit zur Waffen-SS als Jugendlicher Ende des Zweiten Weltkrieges später keineswegs verschwiegen habe. Als er, Wagenbach, an einer Grass-Monographie gearbeitet habe, hätte Grass ihm 1963 in Gesprächen freimütig von seinen letzten Kriegstagen und – erlebnissen Anfang 1945 erzählt und davon gesprochen, dass er zur Kompanie eines Panzerregiments zuerst nach Schlesien und dann nach Berlin zur «Gruppe Steiner, SS» gekommen sei.
Ein nachdenkliches Schlusswort sprach der Jubilar dann selbst, als er über die Zukunft der Buchbranche laut nachdachte und meinte, diese Frage könnten wohl nur die Enkel beantworten, die heute und wohl immer mehr vor den Computern säßen. «Vielleicht geht einer von ihnen in späteren Jahren einmal auf den Dachboden und findet ein Buch, in dem er blättert, weil er mit dem daneben liegenden digitalen Datenträger nichts anfangen kann, weil der Server längst nicht mehr funktioniert. Und er bläst den Staub vom Buch und fängt an, darin zu lesen, wenn er noch lesen kann. Und er wird immer neugieriger und bestaunt die Anmerkungen und Lesezeichen im Buch. Also – die Bücher überleben uns, ganz sicher, versprochen!»

Es war ein Kampf gegen den Matsch und ein Genuss für die Ohren: 50 000 Musik-Fans haben beim «Southside» Festivals in Neuhausen ob Eck in Baden-Württemberg drei Tage gefeiert und gerockt.
Wer keine Gummistiefel eingepackt hatte, war angesichts der Schlammmassen auf dem gesamten Gelände verloren. Auch wenn sich das Wetter bei der elften Auflage nicht als Festival-Freund zeigte, so waren die Besucher von den rund 70 Bands und Solokünstlern dennoch begeistert.
Schon unter «normalen» Bedingungen bedeutet ein Festival Ausnahmezustand: schlafen im stickigen Zelt, ausgelaufene Klos, drei Tage Dauer-Party und Ravioli aus der Dose. Doch das «Southside» in diesem Jahr war eine besondere Herausforderung. Innerhalb von wenigen Stunden hatten sich die Wiesen auf dem Gelände des ehemaligen Militärflughafens in Matsch und Dreck-Landschaften verwandelt. Die Landwirte waren im Dauereinsatz, um mit ihren Traktoren eingesunkene Autos aus dem «Schlam(m)assel» zu ziehen.
Die Open-Air-Fans gaben sich alle Mühe, den Verhältnissen zu trotzen. Die meisten resignierten und gaben sich der hemmungslosen Schlammschlacht vor den Bühnen hin. Neben der kanadischen Indie-Rock-Formation The Strokes, die am Freitagabend den ersten Höhepunkt bildete, gaben vor allem die Hochkaräter aus dem Elektro-Bereich den Ton an.
Energiegeladen ging es los mit den beiden britischen Trip-Hop-Gruppen Faithless und Massive Attack. Maxi Jazz, der Sänger von Faithless, verkündete mit einem gleichnamigen Lied das Motto des Wochenendes: «I Can’t Get No Sleep» («Ich kann nicht schlafen»).
Am Samstagabend wurde der Spagat zwischen den Genres am deutlichsten. Während auf der einen Bühne The Prodigy, die Ur-Väter des Elektro-Punk, und die Hamburger Krawallmacher von Deichkind, auftraten, rockten nebenan die Berliner Beatsteaks. Zwar hatten sie keine neuen Lieder im Gepäck, doch sie überraschten mit einer abwechslungsreichen Show. Sänger Armin Teutoburg-Weiß präsentierte eine Hip-Hop-Version von «Sharp, Cool & Collected» und eine eigene Interpretation des Reggae-Hits «Red Red Wine» aus den 60er Jahren.
Am Sonntag sollten die Indie-Rock- und Punk-Größen von Skunk Anansie, Element of Crime, Mando Diao und Billy Talent noch nachlegen. Gemeinsam mit dem Briten Charlie Winston, der mit seinem Radio-Hit «Like a Hobo» in Deutschland bekannt wurde, bildeten sie den Abschluss des Konzert-Marathons.
Zusammen mit dem Schwesterfestival «Hurricane» im norddeutschen Scheeßel, zu dem rund 70 000 Besucher kamen, zählt das «Southside» zu den größten deutschen Open-Air-Festivals. Viele Gruppen waren von Niedersachsen gleich in den Süden Deutschlands weitergereist.

Der Junge heißt Andile, doch er nennt sich nur Thomas, nach Thomas Hitzlsperger, dem deutschen Fußballprofi. «Hitz, the Hammer», wie der ehemalige Nationalspieler seit seiner Zeit in England gern genannt wird.
Andile ist elf. Andile hat Aids. Er lebt in einem Township in Südafrika, wo jedes zweite Kind sein Schicksal teilt. Vor einem Jahr bekam er Besuch, vom «Hammer». Sigrid Klausmann hat bewegende Begegnungen der beiden dokumentiert. Ihr 34-Minuten- Film «Thomas Hitzlsperger und die Township-Kinder» läuft an diesem Samstag innerhalb der Vorberichterstattung zum WM-Spiel Niederlande gegen Japan ab 12.15 Uhr in der ARD.
Es war eine einfache Frage, doch die Reaktion von Andile, hat den sonst so strahlenden Fußballheld Hitzlsperger verändert. Als der einstige Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart den Jungen nach seinem Vater fragt, bricht der in Tränen aus und rennt aus dem Raum. Andiles Vater starb vor acht Jahre an Aids. «Auch bei mir hinter der Kamera liefen die Tränen runter», erzählt Regisseurin Klausmann, Frau des Schauspielers Walter Sittler. 22 Millionen Aids-Waisen hatten plötzlich ein Gesicht. «Mir war plötzlich klar, was es bedeutet, wenn ein Kind seinen Vater verliert», sagt Hitzlsperger.
Andile ist eines von zig HIV-infizierten Kindern, um die sich die Organisation «Ubuntu Africa» in der Township Khayelitsha kümmert, einer Wohnsiedlung für Schwarze am Rande Kapstadts. Ins Leben gerufen wurde die Organisation von der jungen Amerikanerin Whitney Johnson. Ihre Art, Hoffnung zu geben, wollte Klausmann porträtieren, fand in Hitzlsperger einen Partner – der damals selbst noch hoffte, in diesen Tagen für Deutschland zu spielen.
«Hitz» verzichtete auf seinen bereits geplanten Urlaub, zahlte seinen Trip nach Südafrika selbst und besuchte an der Seite Klausmanns das Township – ohne Presse, ohne Bodyguard. «Er ist so, wie er ist», sagt Klausmann. Mit seiner bescheidenen Art, mit der er Andile nie bedrängt habe, sei es «the Hammer» gelungen, dass sich der Junge öffnete. Das Ergebnis: berührende, bezaubernde Szenen – in seiner Hütte, hoch über Kapstadt oder kickend am Strand.
«Er begegnet Menschen, die zu den Hoffnungslosen und Verstoßenen zählen, die nicht dabei sein werden, wenn die Zuschauer auf hoch gesicherten Wegen zu den Spielen in die Stadien geschleust werden», heißt es auf Klausmanns Homepage. «Man hat neun neue Stadien, aber die Shaks (Wellblechhütten) stehen unter Wasser», berichtet Whitney Johnson. Der deutschen Mission um Hitzlsperger ist es immerhin im letzten Moment gelungen, dass «Ubuntu Africa» ein langersehntes neues Grundstück bekommt, um noch mehr kranke Kinder betreuen zu können. Denn eins wollte Klausmann in ihrem Film nicht sehen: Bilder, auf denen der Star aus Deutschland einfach einen Scheck überreicht.
Was bei den Dreharbeiten vor einem Jahr noch nicht klar war: Thomas Hitzlsperger hat den Sprung auf den deutschen WM-Zug in letzter Minute verpasst. Der gebürtige Münchner ist nicht dabei, wenn am Kap in diesen Tagen eventuell ein neues deutsches Sommermärchen entsteht. «Ich glaube aber, wir haben mit dem Film auch etwas Großes geschaffen», sagt der 28-Jährige.

Trotz der deutschen WM-Niederlage haben tausende Musikfans am Freitag gut gelaunt auf dem Hurricane Festival in Niedersachsen und dem Southside Festival in Baden-Württemberg gefeiert. Sie gehören beide zu den größten Open-Air-Veranstaltungen dieser Art.
Schon Stunden vor Beginn war im norddeutschen Scheeßel ein Großteil der 70 000 erwarteten Besucher für das Hurricane Festival angereist. Vor einer großen Leinwand feuerten sie auf dem Campingplatz die deutsche Nationalelf an. Anschließend rannten viele über das weitläufige Festivalgelände, um rechtzeitig zum Start des Musikprogramms am Nachmittag zu kommen. Den musikalischen Auftakt machte die schottische Band Biffy Clyro, die mit lauten Gitarrenriffs dem Publikum einheizte.
Später sollten Größen wie Beatsteaks, Mando Diao, Jennifer Rostock und Madsen auf der Bühne stehen. Bis Sonntagabend werden knapp 80 Bands aus der Rock-, Pop- und Elektro-Szene auf Norddeutschlands größtem Musikfestival auftreten, darunter Massive Attack, The Prodigy, The Strokes und Billy Talent. Für etwa 120 Besucher gab es zu Beginn jedoch eine böse Überraschung. Sie hatten gefälschte Tickets über das Internet gekauft, mit denen sie nicht reinkamen. Während der drei Tage werden fast 400 Polizisten auf Mountainbikes, Pferden, im Hubschrauber und zu Fuß für Ordnung sorgen.
Beim Southside Festival in Neuhausen ob Eck strömten die meisten der rund 50 000 Rock-Fans bereits am Freitagnachmittag völlig verdreckt von den schlammigen Campingplätzen auf das Festivalgelände. Zwar kam pünktlich zum ersten Konzert die Sonne zwischen den Wolken hervor, doch die ganze Nacht hatte es durchgeregnet.
Trotzdem gut gelaunt fieberten die Musik-Begeisterten am Abend den Auftritten der Strokes und der britischen Trip-Hop-Gruppe Massive Attack entgegen. Bis Sonntagnacht werden rund 70 Bands und Künstler auf vier Bühnen zu sehen sein – darunter die Berliner Beatsteaks, der entspannte Singer-Songwriter Jack Johnson aus Hawaii und The Prodigy. Die Briten gelten als die Urväter des Elektro-Punk.
Die Fußball-Euphorie rund um die Weltmeisterschaft in Südafrika ist auf dem Festival allgegenwärtig. Überall sind die lauten Vuvuzela-Tröten zu hören, tausende verfolgten die Partie Deutschland gegen Serbien auf einer Großbildleinwand. Bereits am Donnerstag waren mehrere tausend Musikfans bei Dauerregen angereist und hatten ihre Zelte aufgebaut. Der Bahnhof im nahe gelegenen Tuttlingen glich einem Ferien-Camp. Zahlreiche Besucher verbrachten die Nacht in ihren Schlafsäcken in der Wartehalle und kochten Dosen-Ravioli auf ihren Gaskochern.
Papst Benedikt XVI. selbst hat die deutschen Erzbischöfe Robert Zollitsch und Reinhard Marx im April angewiesen, den damaligen Augsburger Bischof Walter Mixa zu einer Auszeit zu bewegen. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins «Focus» hatte der Papst zunächst seinen Apostolischen Nuntius in Deutschland mit dieser Aufgabe betraut. Als Mixa jedoch nicht reagierte, sandte der Pontifex vier Tage später den Münchner und den Freiburger Erzbischof zu Mixa, woraufhin dieser seinen Rücktritt erklärte.
mehr »

Sein Name steht wie kaum ein anderer für die 68er-Revolution und die sexuelle Befreiung. Seine Beziehung zur schönen Uschi Obermaier ist heute ein Teil deutscher Geschichte.
In den 60er Jahren gehörte Rainer Langhans zu den Gründungsmitgliedern der legendären Berliner Kommune 1. Während die meisten seiner Mitstreiter sich von ihrem ehemaligen Ideal verabschiedet haben, lebt Langhans heute mit einem Harem von vier Frauen zusammen und schimpft immer noch gern über «Scheiß Spießer». Heute wird Langhans 70 Jahre alt.
Sein Alter ist ihm kaum anzumerken. Ohne Mühe schwingt er sich auf sein rostiges Fahrrad und fährt durch den Münchner Stadtteil Schwabing, wo er seit Jahren wohnt. «Dass die Leute sich irre aufführen, das lernen sie in der Kleinfamilie», sagt Langhans im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa und begründet damit, warum er sich stets bemüht hat, anders zu leben als die meisten Menschen.
Langhans wurde als erstes von vier Kindern in Oschersleben bei Magdeburg geboren. Sein Vater habe ihn «natürlich klassisch» verprügelt. «Ich war ein komisches Kind», sagt Langhans. Schließlich sei er von der Familie abgeschoben worden in ein strenges, freikirchliches Internat. Dann ging er freiwillig zur Bundeswehr, später nach Berlin, wo er zuerst Jura und dann Psychologie studierte. Beendet hat er das Studium nie. Weil es Differenzen mit seinem Professor gab, brach er die Arbeit zum Vordiplom ab.
Erst, als er im «Argumentclub» Gleichgesinnte findet, glaubt Langhans, seine Bestimmung gefunden zu haben. «Da wurde mir klar: Ich bin total normal, und ich bin total gesund, wenn ich diese Welt als total krank ansehe.» Er wird Mitbegründer der Kommune 1, deren Mitglieder sich gern alle zusammen nackt fotografieren lassen, gegen die Nazi-Generation, den Schah und den Vietnam-Krieg demonstrieren und ein Pudding-Attentat auf den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey planen, das aber scheitert. Die Kommune sollte ein radikaler Gegenentwurf zu dem Leben werden, das die meisten Deutschen in den 60er Jahren und auch heute noch führen.
Frauen, Männer und auch Kinder lebten dort zusammen. Es wurde diskutiert, debattiert, gefeiert und geliebt. Die Kommune galt als Keimzelle der 68er Ideologie und als Feindbild für das bürgerliche Deutschland. Langhans beschreibt die Zeit heute als «Großekstase», die vor allem von der spirituellen Verbindung der Kommunarden lebte – und vom schönen Foto-Model Uschi Obermaier, in die Langhans sich schwer verliebte. Erst, als sie eifersüchtig wurde und nicht wollte, dass Langhans auch mit anderen Frauen ins Bett geht, sei die Liebe eingeschlafen, sagt Langhans.
Heute lebt er mit vier Frauen zusammen. Die fünfte hat sich aus dem Harem zurückgezogen. Den Kontakt zu seinen Frauen, die alle eigene Wohnungen haben, hält er vor allem über seine beiden Handys, von denen eins bei einem Anruf wie ein Frosch quakt. Für eine Fernseh-Dokumentation ließ er sich, seine Frauen und den täglichen Zickenkrieg filmen. Er habe inzwischen kaum noch ein Problem mit Eifersucht, betont Langhans. Auch bei seinen Frauen sei es ruhiger geworden.
Mit vielen der Ex-Kommunarden liegt Langhans heute im Clinch. Auf Obermaier ist er wütend, weil sie der «Bild»-Zeitung gesagt hat, er sei «ein Brett im Bett» gewesen und weil er in ihrem Film «Das wilde Leben» nicht gut wegkam. Fritz Teufel ließ die Öffentlichkeit spöttisch wissen, Langhans rede mit Tomaten. Auch mit den jungen Linken von heute kann das 68er-Idol nichts anfangen.
Seine politisch Verbündeten sieht Langhans in der Jugend von heute, die den Großteil ihrer Zeit in Internet-Foren wie Facebook und StudiVZ verbringen und mit hunderten Menschen auf der ganzen Welt friedlich verbunden sind. Sie leben – so Langhans – das Leben, das er und seine Mitstreiter in den 60ern als Utopie entwickelt haben, in einer virtuellen Welt.
«Wir haben gewonnen. Das, was ich mir gewünscht habe, ist eingetreten. Wir leben alle in Kommunen – nur heute nennen wir das Communities», sagt Langhans. Im Internet sieht er die Verwirklichung all seiner Träume. «Es geht nicht, die äußere Welt zu verändern – in der geistigen, virtuellen Welt verändern die jungen Leute heute aber sehr viel. Die Welt hier, die haben sie im Grunde schon aufgegeben.»
| NAME | BERUF | ALTER | GEBURTSDATUM | GEBURTSORT | GEBURTSLAND |
| FROST, Sadie | britische Schauspielerin und Produzentin | 45 | 19.06.1965 | London | Großbritannien |
| ABDUL, Paula | amerikanische Popsängerin und Choreographin | 47 | 19.06.1963 | San Fernando | USA |
| TURNER, Kathleen | amerikanische Schauspielerin | 56 | 19.06.1954 | Springfield | USA |
Die Bundesrepublik gibt eine Bleistiftzeichnung des Berliner Malers Adolph von Menzel (1815-1905) an die Erben der jüdischen Eigentümer zurück.
Das Blatt mit dem Titel «Bildnis eines alten Herrn» befand sich bisher als Leihgabe der Bundesrepublik in der Städtischen Kunsthalle Mannheim, wie das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen in Berlin mitteilte. Früher gehörte die Zeichnung zur privaten Kunstsammlung des Malers Max Liebermann.
Nach dessen Tod 1935 wollte Liebermanns Witwe Martha wegen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten Deutschland verlassen. Sie konnte aber die Sonderabgaben, die die Nazis von ihr verlangten, nicht bezahlen. Vor der drohenden Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt nahm sie sich 1943 in Berlin das Leben.
Das «Bildnis eines alten Herrn» geht jetzt über eine Anwaltskanzlei an Erben in Übersee. Sie möchten nach Behördenangaben nicht genannt werden.

Ein fast 70-minütiges Science-Fiction-Märchen um eine Kunstmensch-Heldin namens Cindi Mayweather im Jahr 2719, dazu eine abgedrehte Musikmixtur aus Orchester-Ouvertüren, Funk, Soul und Latin, Indie-Rock und Jazz – kann das gutgehen?
Es kann, und wie: Mit «The ArchAndroid» legt Janelle Monáe aus dem Nichts ein Großwerk der schwarzen Musik vor, wie es seit «Sign ‘O’ The Times» von Prince (1987) vielleicht keines mehr gegeben hat.
Wer ist diese junge Frau, deren Stern USA-weit vor einigen Wochen mit einem selbstbewussten Auftritt in der Show von David Letterman aufging? Allzuviel ist nicht bekannt über Janelle Monáe Robinson (24) aus Atlanta. Sie ist gerade mal 1,52 Meter groß, hat eine Musical- Ausbildung hinter sich und tanzt ähnlich schwerelos wie Michael Jackson. Sie trägt schwarze Hosenanzüge, weiße Hemden und Fliege, auf dem Kopf eine dramatisch gewölbte Haartolle. Sie hat ein eigenes Label gegründet und wird von Hip-Hop-Helden wie Sean «Diddy» Combs oder Big Boi gefördert.
Und sie hat eine Menge Vorbilder, aus allen Genres der populären und sogenannten ernsten Musik: «Meine musikalische Palette ist riesig», sagt Janelle Monáe in Interviews zum neuen Album. «Ich bin halt in der iPod-Generation aufgewachsen.» Von Klassik über James-Bond-Filmmelodien bis David Bowie, von Pink Floyd bis zu den White Stripes ist alles drauf auf dem iPod.
Vor allem: Diese Frau will sicht- und hörbar ein Star mit Langzeitwirkung sein. In den 18 Songs des Albums lässt sich Janelle Monáe denn auch auf keinerlei Grenzen ein. Da wird hochmelodisch gerappt («Dance Or Die») oder Funk-Legende James Brown zitiert («Tightrope»). Epische Gitarrensoli erinnern an die große Zeit des kleinen Prinzen zu «Purple Rain»-Zeiten («Mushrooms & Roses»). «Come Alive» ist fast schon Punkrock, mit einer völlig entfesselten Sängerin. Den krassen Gegensatz bilden «Oh, Maker» oder «57821» – traumhaft schöne Folk-Soul-Balladen, die Janelle Monáes große, flexible Stimme in den Mittelpunkt stellen.
Als wäre diese Mischung nicht schon abenteuerlich genug, reißt die ehrgeizige Künstlerin am Ende auch noch die Mauern zum klassischen Konzertsaal und zum Broadway ein. In «Say You’ll Go» verbeugt sie sich vor Stevie Wonders Meisterwerk «Songs In The Key Of Life» (1976) und lässt das Lied mit Claude Debussys Klavierstück «Clair De Lune» ausklingen. Im sinfonischen «BabopbyeYa» schließlich fügt Janelle Monáe neun Minuten lang Piano-Jazz, Streicher und Bläser sowie die ihr eigene Stimmgewalt einer Shirley Bassey kongenial zusammen.
Eigentlich kann so viel Maßlosigkeit nur in einem heillosen Durcheinander enden hier funktioniert es wundersamerweise. Mit ihrem Stilmix verfolgt Janelle Monáe nach eigenen Worten auch nicht nur rein künstlerische Ziele. «Als Afroamerikanerin will ich zeigen, dass wir nicht einheitlich auf schwarze Musik festgelegt sind, dass wir viele unterschiedliche Richtungen haben.»
Diesen gesellschaftspolitischen Ansatz verfolgt die Hochtalentierte auch mit der Geschichte hinter «The ArchAndroid». Angelehnt an Fritz Langs berühmten Stummfilm «Metropolis» geht es um eine Androidin des 28. Jahrhunderts, die sich verbotenerweise in einen echten Menschen verliebt und deswegen geächtet und verfolgt wird. Die messianische Kunstfigur Cindi Mayweather als Opfer der Mehrheitsgesellschaft – reichlich verschwurbelt das Ganze, aber zum Glück auch nicht so anstrengend, dass es Janelle Monáes mitreißender Musik im Weg stünde.
Einziges Deutschland-Konzert von Janelle Monáe: 9. Juli, Berlin
Neuhausen ob Eck (dpa) Mit einem Konzert der britischen Sängerin Martina Topley-Bird hat am Freitag das dreitägige Southside Festival in Neuhausen ob Eck begonnen.
Die meisten der rund 50 000 Rock-Fans strömten am Nachmittag bereits völlig verdreckt von den schlammigen Campingplätzen auf das Festivalgelände. Zwar kam pünktlich zum ersten Konzert die Sonne zwischen den Wolken hervor, doch die ganze Nacht hatte es durchgeregnet.
Trotzdem gut gelaunt fieberten die Musik-Begeisterten am Abend den Auftritten der Strokes und der britischen Trip-Hop-Band Massive Attack entgegen. Bis Sonntagnacht werden rund 70 Bands und Künstler auf vier Bühnen zu sehen sein – darunter die Berliner Beatsteaks, der entspannte Singer-Songwriter Jack Johnson aus den USA und The Prodigy. Die Briten gelten als die Urväter des Elektro-Punk.
Die Fußball-Euphorie rund um die Weltmeisterschaft in Südafrika ist auf dem Festival allgegenwärtig. Überall sind die lauten Vuvuzela-Tröten zu hören, tausende verfolgten die Partie Deutschland gegen Serbien auf einer Großbildleinwand.
Bereits am Donnerstag waren mehrere tausend Musikfans bei Dauerregen angereist und hatten ihre Zelte aufgebaut. Der Bahnhof im nahe gelegenen Tuttlingen glich einem Ferien-Camp. Zahlreiche Besucher verbrachten die Nacht in ihren Schlafsäcken in der Wartehalle und kochten Dosen-Ravioli auf ihren Gaskochern. Zusammen mit dem Schwester-Festival Hurricane im norddeutschen Scheeßel zählt das Southside zu den größten deutschen Open-Air-Festivals. Zum elften Mal findet es in Neuhausen ob Eck auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflughafens statt.